Der Verein Deutsche Sprache in Sachsen-Anhalt
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3./4. Juni 2011: Bundesdelegiertenversammlung des Vereins Deutsche Sprache in Merseburg

Rund 150 Delegierte und Gäste kamen nach Merseburg • Stadt Merseburg als korporatives Mitglied in Verein Deutsche Sprache aufgenommen 

Gruppenfoto im Merseburger Ständehaus

Für zwei Tage war Deutschlands größter Sprach- und Kulturverein, der Verein Deutsche Sprache e. V. (VDS), in Merseburg zu Gast. Mitglieder und Delegierte des VDS aus der ganzen Welt kamen am 3. und 4. Juni 2011 zu ihrer Delegiertenversammlung im Merseburger Ständehaus zusammen. Hier legten sie, stellvertretend für fast 34.000 Vereinsmitglieder, die inhaltlichen Leitlinien des VDS fest und zogen Bilanz über das zurückliegende Jahr. Da sich zahlreiche sprachgeschichtliche Wurzeln in der mitteldeutschen Region befinden, gab es genügend thematische Anknüpfungspunkte, dieses Großereignis des Vereins hier durchzuführen. Stellvertretend seien die Merseburger Zaubersprüche genannt, die als ältestes deutschsprachiges Schriftdenkmal mit heidnischem Inhalt einen unmittelbaren Bezug zum Austragungsort haben. So setzte sich die hallesche Regionalgruppe unter Leitung von Arne Grit-Gerold und Jörg Bönisch dafür ein, Gastgeber für die diesjährige Delegiertenversammlung zu sein.

Vor der offiziellen Eröffnung der Delegiertenversammlung am Freitag hatten die Gäste Gelegenheit, bei einer Führung durch den Merseburger Dom St. Johannes und St. Laurentius sowie durch die historische Domstiftsbibliothek Hintergründe zur über 1000-jähigen Geschichte der Stadt Merseburg als ehemaliger Bistums- und Herzogssitz zu erfahren. Höhepunkt war die Besichtigung der Sonderausstellung zu den Merseburger Zaubersprüchen im Zauberspruchgewölbe. Im Ständehaus stellte die hallesche Künstlerin Renate Brömme ihre Collagen zu den Merseburger Zaubersprüchen aus. Vom Bildhauer und Schriftsteller Klaus Friedrich Messerschmidt waren Grafiken zur Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg zu sehen. Pünktlich zur Delegiertenversammlung erschien die Broschüre »Böhmische Dörfer - Eine Reise durch den deutschen Sprachgebrauch« von VDS-Mitglied Dr. Heinz Böhme. Mit einer Sammlung von Anmerkungen und Wortspielereien wendet sich der Autor an alle, welche sich im Alltag Gedanken über unsere Sprache machen.

Fast 200 Gäste nahmen an der sich im Merseburger Ständehaus anschließenden feierlichen Eröffnung der Bundesdelegiertenversammlung des Vereins teil. Regionalleiterin Gerold und Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des VDS, begrüßten die Gäste im Erhard-Hübener-Saal des Ständehauses. Gerold betonte: „Der Verein Deutsche Sprache hat Sie zu seiner Delegiertenversammlung nach Merseburg eingeladen. Diese Entscheidung freut unsere Regionalgruppe sehr und hat uns in kürzester Zeit gestärkt und stolz gemacht, denn hier in Mitteldeutschland befinden wir uns in einem geistig-kulturellen Zentrum. Machen wir uns das Wirken des Reformators Luther bewusst, den Pietismus August Hermann Franckes, den Philosophen der Universität in Halle Christian Wolff oder den Aufklärer Christian Thomasius, um nur einige zu nennen.” Das Grußwort von Merseburgs Oberbürgermeister Jens Bühligen überbrachte Kulturamtsleiter Michael George. Auf Anregung der halleschen VDS-Regionalgruppe hat sich die Stadt Merseburg entschlossen, in den Verein Deutsche Sprache als korporatives Mitglied einzutreten. Während der Eröffnungsveranstaltung wurde der Stadt eine Urkunde überreicht, welche die Vereinszugehörigkeit bescheinigt. George begründete die VDS-Mitgliedschaft der Stadt Merseburg: „Für die Kommunikation der Verwaltung mit den Bürgern ist die sprachliche Klarheit unabdingbar. Beschlüsse, Mitteilungen und der allgemeine Schriftverkehr müssen so verfasst sein, dass sie für den Bürger verständlich und für den jeweiligen konkreten Sachverhalt eindeutig interpretierbar sind. Dem Gebrauch der deutschen Sprache kommt unter diesen Umständen ein hoher Stellenwert zu.” Als erste Stadt ist 2005 Mühlhausen/Thüringen in den Verein eingetreten. Auch Gotha, Rastatt, Rudolstadt und Wunstorf sind Mitglied im VDS. Festredner Messerschmidt legte anschließend im Vortrag »Über plumpe, brave Burschen, tuckische Kulkraben und Engel mit kotgefleckten Flügeln« seine Gedanken zur Sprache bei Friedrich Nietzsche, Thomas Müntzer und Georg Trakl dar. Musikalisch umrahmt wurde die Eröffnung der Bundesdelegiertenversammlung durch das Gesangsensemble »VocHallensis«. Es begeisterte das Publikum mit mehrstimmigen Liedsätzen von der Renaissance bis zur Romantik. Zum Ausklang des Tages hatten Delegierte, Gäste und an der deutschen Sprache Interessierte bei einem Stehempfang im Ständehaus die Möglichkeit zum zwanglosen Gedankenaustausch bei Speisen und Getränken aus der Region.

Der Sonnabend stand von 10 bis 17 Uhr ganz im Zeichen der Bundesdelegiertenversammlung, die Prof. Krämer eröffnete. Die Tagung begann mit den Berichten des Vorstandes, des Schatzmeisters und der Kassenprüfer. In seinem Rechenschaftsbericht stellte Prof. Krämer deutlich die Bedeutung der Regionalarbeit heraus: „Wir sind ein Verein, der aus den Graswurzeln wächst, der aus vielen verschiedenen Initiativen zusammenwächst und nicht von oben herab geleitet wird; sondern die Regionen machen das, was sie selbst für richtig halten.” Die Erfolge der Vereinsarbeit erläuterte Prof. Krämer anhand zahlreicher Beispiele aus dem zurückliegenden Jahr. Herausragend waren das »Festspiel der deutschen Sprache« am 10. September 2010 im Goethe-Theater Bad Lauchstädt, der bundesweit und international gefeierte 10. Tag der deutschen Sprache am 11. September 2010, die Verleihung des Kulturpreises Deutsche Sprache an Udo Lindenberg am 23. Oktober 2010 in Kassel und die jährliche Wahl des »Sprachpanschers«. Ein ganzes Stück weitergekommen sei der Verein bei der Stärkung des Deutschen in der EU: Die Netzseite der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft ist auf Deutsch verfügbar. Das war bei den Vorgängern Spanien, Schweden und Tschechien nicht der Fall gewesen. Zu den erfolgreichen Aktionen zählt ebenso die in Zusammenarbeit mit einer Boulevardzeitung außerordentlich gut angenommene Unterschriftenaktion »Deutsch ins Grundgesetz«. Auftritte bei Hauptversammlungen großer deutscher Aktiengesellschaften gehören genauso dazu wie die Auslobung des Wettbewerbes »Schlagzeile des Jahres«. Um der Forderung »Mehr Deutsch im Radio« nach einem höheren Anteil deutschsprachiger Musik im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Nachdruck zu verleihen, fand am 14. Mai 2011 in Köln vor dem WDR-Sendezentrum eine Demonstration statt. Am 2. Juli 2011 werden VDS-Mitglieder vor dem MDR-Gebäude in Leipzig demonstrieren. Für unbedingt nachahmenswert hält der Vereinsvorsitzende die Durchführung regionaler Dichterwettbewerbe. Als besonders nennenswerte Aktion bezeichnete Prof. Krämer das in Niedersachsen erfolgreich verlaufende Projekt »Klasse! Wir singen«, welches im kommenden Jahr mit VDS-Unterstützung in Nordrhein-Westfalen fortgeführt wird.

Dem Rechenschaftsbericht schlossen sich die Entlastung des Vorstandes sowie die Neuwahlen des Schatzmeisters und der Kassenprüfer an. Gemäß der Vereinssatzung gehörten die Leiterin der Regionalgruppe 06, Arne-Grit Gerold, und ihr Stellvertreter, Jörg Bönisch, zu den 103 anwesenden stimmberechtigten Delegierten. Mit den Gästen wurden rund 150 Besucher gezählt, die dem Verlauf der Delegiertenversammlung folgten. Am Nachmittag hatten die Tagungsteilnehmer in Arbeitsgruppen die Möglichkeit, zu neuen Einsichten und Ansichten zu gelangen oder den Verein inhaltlich mit eigenen Ideen voranzubringen. Themen waren unter anderem die Arbeit des VDS im Ausland, die europäische Sprachenpolitik, die Vereinsarbeit in den Regionalgruppen und die Mitgliedergewinnung sowie die Geschichte der Merseburger Zaubersprüche. Im Plenum wurden die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen und die Berichte aus den Regionen vorgestellt. Stellvertretend für die ausländischen Delegierten ergriffen Mawoussé Tsogbé aus Togo und Prof. Hayford Ametji-Dela Anyidoho aus Ghana, beide VDS-Regionalleiter auf dem afrikanischen Kontinent, das Wort. Tsogbé sorgte mit seinem ironischen „Ich komme aus Togo und trinke gerne Kaffee. Aber ich mag keinen Coffee to go!” für Erheiterung bei den Zuhörern. Prof. Anyidoho überraschte mit einer überzeugenden Darbietung seiner Deutschkenntnisse: Er trug ein selbst geschriebenes Gedicht vor und rezitierte den nächtlichen Monolog in einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer aus »Faust – der Tragödie erster Teil« von Johann Wolfgang Goethe und begeisterte damit das Publikum.

Ab 18 Uhr klang der Tag im Garten auf der Terrasse vor dem Schlossgartensalon mit Blick auf das Merseburger Schloss beim Abendessen und mit Musik vom Wolfgang Höhne Jazz Trio aus.

Text und Fotos: Jörg Bönisch